Der letzte Satz ist geschrieben

Veröffentlicht am 7. September 2026 um 21:23

Foto von Jan Kahánek auf Unsplash

Serie: Recruiting, KI & HR im Gastgewerbe · Beitrag #28 von 90 

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Der letzte Satz ist geschrieben

Es gibt diesen einen Moment. Ein gutes Gefühl, aber zeitgleich Skepsis, Zögern, Unsicherheit, obwohl man kurz zuvor so sicher war, dass es das jetzt ist. Aber ist es das wirklich? Ich habe diesen einen Moment erlebt, vor wenigen Tagen. Ein Manuskript, mein erstes Buch, fertig. Abgeschickt. Kein Zurück mehr. Man könnte meinen, das fühle sich nach Ankunft an. Und irgendwie tut es das auch. Aber es ist eine Ankunft an einem Ort, von dem man nicht weiß, was er bringt, ob es richtig war, sich dorthin zu begeben. Es fühlt sich einerseits an, wie das Ende eines manchmal mühsamen Weges, andererseits eher wie der Beginn von etwas anderem.

Ich gestalte seit Jahren, Jahrzehnten Systeme und schreibe auch immer einmal wieder darüber. Über Guest Journeys, die an Abteilungsgrenzen zerbrechen. Über Candidate Journeys, die genau dieselben Risse zeigen, nur eben in einer anderen Abteilung. Ich schreibe über Kennzahlen, die mehr verschleiern als sie zeigen. Über Stärken einer Branche, der mein Herzblut gehört und die auch schon viel meines Herzblutes eingefordert hat, weil eine der größten Stärken dieser Branche gleichzeitig auch ihre größte systemische Schwäche ist, die man nur zu gern zumindest versucht auszugleichen, wenn die Leidenschaft die Hotellerie bzw. das Gastgewerbe ist. 

In der Hotellerie ankommen, als Auszubildender, als Quereinsteiger, als Rückkehrer, das ist eine Ankunft im Ungewissen und nicht selten eine Ankunft, die schon nach kurzer Zeit mit großen Zweifeln belegt ist. Zweifel darüber, ob dieser Schritt der richtige war. Der Schritt in ein System, das sich nicht immer in die richtige Richtung entwickelt - weder für Gäste noch für Teammitglieder ungeachtet der Position.

Was ich weder beim Beginn des Schreibens an meinem Manuskript noch währenddessen bedacht, aber zum Schluss umso intensiver erkannt und bedacht habe, bedenken habe müssen: Auch das Schreiben selbst ist ein System. Jeder Satz hängt vom vorherigen ab. Jedes Kapitel verändert die Bedeutung des nächsten. Man kann kein Wort isoliert betrachten, genau so wenig wie man eine Rezeption in einem Hotel isoliert von der Küche betrachten kann, oder einen General Manager isoliert von den Vorgaben der Zentrale, eine Aufgabe, eine Rolle, eine Wirkung isoliert von den Konsequenzen für eine der vielzähligen Schnittstellen. 

Was monatelanges Schreiben mit Führung zu tun hat

Es gab Wochen, in denen ich an einem einzigen Gedanken hängengeblieben bin. Wochen, in denen ich Kapitel überarbeitet habe, die ich für fertig hielt, dann die Überarbeitung wieder verwarf und zurückkehrte zum ursprünglichen Text mit nur kleinen Änderungen und Ergänzungen. 

Es war aufreibend, irgendwie auch aufregend, dann aber irgendwann zermürbend. Eine Situation, die mir aus meiner eigenen Praxis, aber auch aus zahllosen Gesprächen mit General Managern bekannt vorkam. Man entwickelt über Wochen, über Monate hinweg Strategien, positioniert sich am lokalen und regionalen Markt gegenüber diversen Zielgruppen, Stakeholdern und nicht zuletzt gegenüber dem eigenen Team. Und dann revidiert die Zentrale, die Hauptverwaltung, der neue Eigentümer, die bestehenden Eigentümer oder Geschäftsführer, der Vorstand alles, wirklich alles mit einem einzigen Satz. 

Führung und Schreiben teilen sich denselben blinden Fleck: Man glaubt, man kontrolliert das Ergebnis, aber man kontrolliert höchstens den nächsten Schritt. Man fängt mehr als einmal von vorn an. Es gab Jobs, da hatte ich irgendwann acht oder mehr Konzepte in den (digitalen) Schubladen, die ich je nach (Stimmung der) Eigentümer oder Marktlage hervorgezogen habe. Es gab Projekte, da habe ich irgendwann parallel fünf und mehr Projektpläne im Blick gehabt. Nicht, weil ich zeitgleich verlaufende Projekte betreut habe, sondern weil sich während des Projektes, und trotz deutlicher Hinweise auf die Konsequenzen, die Zielsetzung der Auftraggeber verändert hat. Oder Markt und Gesetzgeber kamen mit Erwartungen oder Ideen um die Ecke, von denen man in seinen schlimmsten Alpträumen nicht geglaubt hätte, dass sie jemals Realität werden. Und manchmal sieht man ganz klar Lösungen vor sich, sie sind greifbar nah, sie sind der einzig gangbare Weg. Doch dann erhält man die klare Anweisung, eine völlig andere Richtung einzuschlagen. Weil profitabel, wirtschaftlich, das einzig Machbare. 

Ich werde in den kommenden Wochen ein wenig mehr von dem Prozess teilen, dem einen und dem anderen. Primär vom Prozess des Schreibens, der aber so viele Parallelen aufwirft zum Tagesgeschäft in der Hotellerie, zur Operative, aber auch zur Strategie, vor allem zum Thema Führung auf vielen Ebenen.

Warum möchte ich meine Erfahrungen mit dem Schreiben eines Buchs teilen? Nicht, weil zwischenzeitlich aus der Idee ein Manuskript entstanden ist und schon bald ein gedrucktes bzw. E-Book wird. Sondern weil der Weg dorthin genauso viel über unsere Branche erzählt wie das, was am Ende gedruckt sein wird. 

Was mich am meisten beschäftigt hat, war nicht die Branche selbst. Es war die Frage, wie wir über sie sprechen, wie wir sie wahrnehmen, wie wir uns selbst wahrnehmen. Wie oft verwechseln wir Symptome mit Ursachen? Wie oft loben wie eine Abteilung für eine Lösung, die das Problem nur verschiebt? Wie oft verlieren wir uns in Asset Light Lösungen (gerade heute erst wieder gelesen, dass man dem wachsenden Fachkräftemangel mit einer Reduzierung von Serviceangeboten begegnen muss, wenn man ein Hotel weiterhin wirtschaftlich führen möchte), statt den einen oder anderen traditionsreichen, oder auch antiquierten Part des Gastgewerbes mal neu zu denken?

Denken, das ist übrigens ein gutes Stichwort. Während des Schreibens an meinem Manuskript bin ich vom ursprünglichen Pfad ziemlich abgekommen. Ich hatte anfänglich die Idee, Lösungen aufzuzeigen, andere Wege, die man im Hinblick auf Ausbildung, Einstellung, Training on the job, Candidate Journey, Stellenausschreibungen u.v.m. gehen sollte. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich damit vermeintliche Abteilungsprobleme in noch größere Systemprobleme wandeln würde. Also habe ich einen Denkrahmen gebaut. Und auf diese Gedankenreise werde ich Euch in den kommenden Wochen mitnehmen. 

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