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Serie: Recruiting, KI & HR im Gastgewerbe · Beitrag #16 von 90
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Implementierung flexibler Staffing-Modelle im Hotel – Schritt für Schritt
Flexibel. Fair. Zukunftsfähig. Wie moderne Personalmodelle die Hotellerie retten – oder ruinieren.
Fachkräftemangel, schwankende Belegung, explodierende Personalkosten. Wer heute ein Hotel führt, kennt diese Kombination nur zu gut. Die Antwort der Branche lautet zunehmend: flexible Personalmodelle. Mehr Teilzeit hier, Saisonkräfte dort, vielleicht noch eine Planungs-App obendrauf und schon läuft das besser. Tut es nicht. Zumindest nicht automatisch.
Flexible Personalmodelle sind kein Selbstläufer. Falsch eingeführt, produzieren sie genau das, was man verhindern wollte: Unsicherheit, Misstrauen und am Ende noch mehr Fluktuation. Richtig gemacht, verbinden sie wirtschaftliche Stabilität mit echten Verbesserungen für die Mitarbeitenden. Dieser Text erklärt, wie das geht – Schritt für Schritt, mit Blick auf das, was in der Praxis wirklich funktioniert.
Erst messen, dann gestalten
Bevor irgendetwas geändert wird, braucht es einen klaren Blick in den Spiegel. Wie viele Überstunden fallen in welchen Abteilungen an und wann? Wo gibt es regelmäßige Leerlaufzeiten? In welchen Bereichen ist die Fluktuation besonders hoch, und warum verlassen Mitarbeitende das Haus?
Diese Fragen klingen selbstverständlich. Aber erstaunlich viele Betriebe überarbeiten ihre Personalstruktur auf Basis von Bauchgefühl statt belastbarer Zahlen. Wer keine Ausgangslage kennt, weiß auch nicht, ob das neue Modell tatsächlich etwas gebracht hat.
Konkret heißt das: Überstundenquoten nach Abteilung auswerten, saisonale Belegungskurven der letzten zwei bis drei Jahre analysieren, Krankheitsquoten und Fluktuationszahlen gegenüberstellen. Erst daraus ergibt sich ein realistisches Bild, wo Flexibilisierung sinnvoll ist und welches Ziel dabei im Vordergrund steht. Kostensenkung, bessere Servicequalität und Mitarbeiterzufriedenheit schließen sich nicht aus, aber man muss priorisieren. Ein Modell, das alles gleichzeitig lösen soll, löst meist gar nichts.
Aus der Praxis: Marriott International
Marriott hat ebenso wie andere internationale Hotelkonzerne investiert in AI-Recruitment Tools, flexible Planungssysteme und nachhaltige HR-Policies. Die Initiative "Work Anywhere" ermöglicht es Mitarbeitenden hybride oder standortflexible Rollen innerhalb des Konzerns zu übernehmen. Entstanden ist die Idee ursprünglich aus einem Angebot für Gäste während der Corona-Pandemie. Die Option eines wechselnden Arbeitsstandortes wurde auf die Belegschaft übertragen und an die verschiedenen Rollen innerhalb der diversen Teams angepasst.
Stammbelegschaft und flexibles Team – kein Widerspruch, wenn man es richtig aufbaut
Ein stabiles, verlässliches Kernteam ist die Voraussetzung für alles andere. Rezeption, Housekeeping-Leitung, Restaurantservice in der Fläche – das sind Positionen, die Kontinuität brauchen. Gäste bauen Vertrauen zu Menschen auf, nicht zu Systemen. Ein Haus, das monatlich wechselnde Gesichter an der Rezeption zeigt, verliert seinen Charakter.
Das Kernteam – erfahrungsgemäß etwa 60 bis 70 Prozent der Belegschaft – sichert Qualität und Kultur. Den Rest kann ein flexibles Team aus Teilzeitkräften, Saisonmitarbeitenden oder fest eingeplanten Aushilfen abdecken: für Frühstücksspitzen, Events, Bankettbelegungen oder die belebten Sommermonate.
Entscheidend dabei ist die Ausbildung zum Einsatz in mehreren Bereichen. Wer im Frühstücksservice gelernt hat, einen Tisch einzudecken, kann in ruhigeren Phasen im Roomservice unterstützen. Wer an der Rezeption eingecheckt hat, kann beim Concierge aushelfen. Das setzt voraus, dass Führungskräfte offen dafür sind – und dass solche Einsätze fair entlohnt und klar geregelt sind.
Aus der Praxis: Hotel Kristberg in Lech am Arlberg (Österreich)
Das familiengeführte Boutiquehotel am Arlberg steht vor einer klassischen Herausforderung: saisonaler Betrieb, hohe Qualitätserwartungen, überschaubares Team. Das Haus setzt seit Jahren auf ein Modell, das die Branche selten so konsequent lebt: Mitarbeitende werden ausdrücklich darin bestärkt, in der Saisonpause Erfahrungen in anderen Häusern zu sammeln – von der Schweiz bis nach Thailand. Gastgeber Michael Zimmermann unterstützt Teammitglieder bei diesem Schritt, greift auf sein weitreichendes Netzwerk zurück. Wer geht, kommt wieder. Viele langjährige Mitarbeitende kehren Saison für Saison zurück. Das Ergebnis ist eine Belegschaft, die sich mit dem Haus identifiziert, motiviert und erfahren ist – und die Fluktuation auf ein für die Alpinhotellerie ungewöhnlich niedriges Niveau drückt. Das Modell funktioniert, weil es auf Vertrauen basiert: Saisonarbeit wird nicht als Problem behandelt, sondern als Investition in Entwicklung. Und die erfolgt sodann auch für das Produkt, den Service, das Konzept des Boutiquehotels; nicht Top-down, sondern gemeinsam mit den Mitarbeitenden, die ihre im Sommer gewonnenen Erfahrungen einbringen und durch diese aktive Mitarbeiterbeteiligung das Hotel mit all seinen Facetten Saison um Saison besser machen.
Aus der Praxis 2: Hilton Hotels & Resorts
Hilton nutzt sogenannte Predictive Staffing Algorithmen, um ein stabiles Core-Team mit variablen, flexibel einsetzbaren Mitarbeitenden zu kombinieren, um in Peak-Zeiten eine optimale Ressourcennutzung zu ermöglichen.
Bedarfsplanung: Wer rät, verliert
Flexible Personalplanung ohne verlässliche Prognosen ist Blindflug. Zum Glück liefern die meisten Hotelmanagementsysteme heute genug Daten für eine fundierte Personaleinsatzplanung: historische Belegungszahlen, Buchungs- und Stornomuster, Veranstaltungskalender, Auslastungsdaten aus der Gastronomie.
Wer diese Daten konsequent auswertet, kann den Personalbedarf für die nächsten zwei bis vier Wochen mit realistischer Genauigkeit vorhersagen – und damit sowohl Über- als auch Unterbesetzung deutlich reduzieren. Letztere ist teurer als ihr Ruf: Fehlende Mitarbeitende in der Hochphase erzeugen Druck, Fehler und schlechte Gästebewertungen. Erstere kostet Geld und demotiviert, wer acht Stunden auf Abruf bereitsteht, aber kaum gebraucht wird.
Aus der Praxis: Digitale Dienstplanung in österreichischen Saisonbetrieben
Für kleinere und mittlere Betriebe im DACH-Raum hat sich Software wie rota oder Planday bewährt – beides Tools, die speziell für das Hotel- und Gastgewerbe entwickelt wurden und die gesetzlichen Vorgaben in Deutschland und Österreich abbilden. Betriebe, die damit arbeiten, berichten von deutlich reduziertem Planungsaufwand und – wichtiger – von weniger Planungsfehlern. Schichten werden nicht mehr nach Erinnerung, Bauchgefühl, Sympathie oder 'Gutdünken' verteilt, sondern auf Basis tatsächlicher Bedarfsdaten. Das spart Kosten und macht den Plan für alle Beteiligten nachvollziehbar.
Aus der Praxis 2: POS und AI
Tools wie Deputy oder Claude for Hospitality analysieren POS-Daten für AI-gestützte Forecasts und stimmen den Personaleinsatz auf tatsächliche Gästezahlen ab. Alternativen auf dem deutschen Markt sind Personio, ATOSS, tamigo, Dyflexis, Zenjob oder HeyJobs. Die diversen Anbieter bzw. Software-Programme unterscheiden sich in ihrer Funktion. Es gilt ergo genau zu schauen, worauf der Fokus liegt, was exakt im eigenen Betrieb benötigt wird: Dienstplanung und Zeiterfassung, Staffing-Software für kurzfristige Aushilfen oder mittel- bis langfristigen Pipeline-Aufbau und Recruiting.
Welche Aufgabe braucht welche Vertragsform?
Nicht jede Tätigkeit eignet sich gleichermaßen für jeden Vertragstyp. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, wird in der Praxis aber oft ignoriert.
Aufgaben, die tiefes Produktwissen, ausgeprägte Gastgeberkompetenz und Kontinuität erfordern, gehören ins Kernteam: Rezeptionsmitarbeitende, die Stammgäste beim Namen kennen. Servicekräfte, die die Speisekarte in- und auswendig kennen. Hausdamen und Hauswirtschaftsleiterinnen, die Standards setzen und kontrollieren.
Aufgaben, die stark von Volumen abhängen und weniger von Beziehung, können hingegen gut durch flexible Kräfte abgedeckt werden: Zimmerreinigung in der Stoßzeit, Frühstücksservice an Feiertagswochenenden, Auf- und Abbau bei Veranstaltungen.
Das Stichwort dabei lautet Qualifikationstiefe. Wer als Aushilfe eingesetzt werden soll, muss dafür ausgebildet sein. Stichwort Einarbeitung: Ein guter erster Arbeitstag ist kein Luxus, sondern Voraussetzung dafür, dass flexible Kräfte tatsächlich entlasten und nicht erst recht mehr Arbeit machen.
Was das Arbeitsrecht sagt, und warum es Pflicht ist, das zu wissen
Flexible Arbeitszeiten sind in der Hotellerie ausdrücklich möglich und in vielen Betrieben sinnvoll. Aber sie sind an klare gesetzliche Rahmenbedingungen gebunden, die sich je nach Land unterscheiden.
In Deutschland gilt das Arbeitszeitgesetz mit einer maximalen Arbeitszeit von acht Stunden täglich, auf zehn Stunden erweiterbar, wenn Ausgleich innerhalb von sechs Monaten sichergestellt ist. DEHOGA-Tarifverträge regeln darüber hinaus Mindeststunden, Mehrarbeit und Ankündigungsfristen für Dienstpläne. Wer das nicht einhält, riskiert nicht nur rechtlichen Ärger, sondern auch das Vertrauen seines Teams.
In Österreich setzt das Gastgewerbe auf das Modell der Durchrechnungsarbeitszeit – dabei kann die wöchentliche Arbeitszeit über einen definierten Zeitraum (bis zu 26 Wochen) variieren, solange der Durchschnitt stimmt. Das gibt Betrieben echte Planungsflexibilität, verpflichtet aber zu transparenter Dokumentation.
Flexible Verträge müssen klare Regelungen enthalten: Wie viele Stunden sind garantiert? Wie wird Mehrarbeit vergütet oder ausgeglichen? Was gilt bei kurzfristiger Änderung der Einsatzzeiten? Wer diese Fragen im Vertrag offenlässt, schafft Unsicherheit – und Unsicherheit ist der Feind jeder Mitarbeiterbindung.
Aus der Praxis: Compliance durch automatisierte Verträge
Plattformen wie Qwick und Instawork gewährleisten Compliance durch automatisierte Verträge für Gig-Worker in der Hotellerie. Alternative Anbieter im deutschsprachigen Raum sind weiter oben genannt. Ergänzend zu Zenjob und HeyJobs seien noch GigWork und Mynextgig aufgeführt. Sie handhaben Tarifverträge (z.B. DEHOGA), Arbeitszeitgesetz und Steuerabwicklung nativ (im Gegensatz zu US-Plattformen wie Qwick).
Digitale Planung: Nicht weil es modern ist, sondern weil es hilft
Wer heute noch Dienstpläne per Excel oder Aushang plant, verschenkt Potenzial. Nicht aus modischen Gründen, sondern aus praktischen: Digitale Planungstools ermöglichen es Mitarbeitenden, Wunschdienste einzutragen, Schichten zu tauschen und Abwesenheiten zu beantragen, ohne dass dabei jedes Mal ein Anruf beim Chef fällig wird. Das entlastet Führungskräfte und gibt Mitarbeitenden das Gefühl, selbst etwas mitgestalten zu können.
Für den Betrieb bedeutet das: weniger Nachplanung, weniger Last-Minute-Ausfälle, mehr Transparenz. Wer Schichten digital verwaltet, hat auch immer den aktuellen Stand der Arbeitszeitkonten im Blick – was wiederum hilft, Überstunden rechtzeitig auszugleichen, bevor sie zu einem Problem werden.
Wichtig: Das Tool ist nicht der Plan. Die Technologie ersetzt keine Führung. Sie macht Führung effizienter.
Kommunikation entscheidet, ob flexible Modelle akzeptiert werden oder scheitern
Hier liegt der meistunterschätzte Erfolgsfaktor. Ein neues Personalmodell, das ohne Erklärung eingeführt wird, löst Misstrauen aus – egal wie gut es gemeint ist. „Was steckt dahinter?" ist die erste Frage, die sich Mitarbeitende stellen. Wenn die Antwort ausbleibt, füllen Gerüchte das Vakuum.
Deshalb: Kommunizieren Sie früh, direkt und ehrlich. Was ändert sich? Warum wird das geändert? Was bedeutet das konkret für die einzelne Mitarbeiterin, den einzelnen Mitarbeiter – für die Dienstplanung, das Gehalt, die freien Tage? Und welche Verbesserungen bringt das Modell mit sich: planbarere Schichten, weniger Überstunden, mehr Wunschdienste?
Führungskräfte brauchen dabei besondere Unterstützung. Fair planen unter flexiblen Bedingungen ist eine Kompetenz, die nicht selbstverständlich ist. Wer bisher nach Sympathie oder Gewohnheit eingeteilt hat, muss lernen, regelbasiert und transparent zu arbeiten. Das erfordert Schulung und manchmal auch Haltungsarbeit.
Regelmäßige Rückmeldungen aus dem Team, zum Beispiel durch kurze Befragungen nach dem ersten Quartal oder nach saisonalen Hochphasen, helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen, bevor sie zur Kündigung führen.
Pilotphase: Erst ausprobieren, dann ausrollen
Kein sinnvoller Betrieb führt ein neues Personalmodell auf einen Schlag im gesamten Haus ein. Stattdessen empfiehlt es sich, einen Bereich zu wählen, der einerseits groß genug ist, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern, und andererseits überschaubar genug, um Fehler korrigieren zu können.
Housekeeping oder der Frühstücksservice sind klassische Einstiegsbereiche – hoher Personalbedarf, klare Auslastungsmuster, gut messbare Ergebnisse. Definieren Sie vor dem Start, woran Sie den Erfolg messen: Wie entwickeln sich die Überstunden? Wie verändert sich die Krankenquote? Wie zufrieden sind die Mitarbeitenden im Pilotbereich? Wie reagieren die Gäste?
Nach drei bis sechs Monaten lässt sich auf dieser Basis entscheiden, was gut funktioniert, was angepasst werden muss und ob das Modell auf andere Abteilungen übertragen werden kann.
Fazit: Flexibilität ist kein Sparmodell
Das ist der Irrtum, der flexible Personalmodelle am häufigsten zum Scheitern bringt: der Gedanke, dass Flexibilisierung vor allem Kosten spart. Natürlich kann ein gut geplantes Modell die Personalkosten senken – indem Überstunden reduziert, Leerlaufzeiten vermieden und Saisonspitzen effizienter abgedeckt werden. Aber das ist ein Nebeneffekt, kein Ziel.
Das eigentliche Ziel ist ein Betrieb, der sowohl für Gäste als auch für Mitarbeitende funktioniert. Planbare Dienste. Faire Bedingungen. Ein Team, das bleibt – weil es einen Grund hat zu bleiben.
Wer flexible Personalmodelle als reines Kostensenkungsinstrument einführt, wird das an der nächsten Fluktuationswelle merken. Wer sie als Teil einer ernsthaften Personalstrategie versteht und entsprechend umsetzt, gewinnt etwas, das in der heutigen Hotellerie kaum noch jemand hat: Stabilität.
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