Serie: Recruiting, KI & HR im Gastgewerbe · Beitrag #9 von 90
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Sauna inklusive!
Was die Sauna im Keller mit Candidate Experience zu tun hat.
Nein, im heutigen Blog geht es nicht, wie man angesichts des Titels meinen könnte, um geldwerte Vorteile oder Mehrwerte, gar Nettigkeiten für Teammitglieder. Es geht um das Wohlbefinden des Mitarbeiters. Wer nun – nicht zuletzt wegen des Wortes „Sauna" – an Wellness denkt, liegt wieder falsch.
Jeder arbeitende Mensch, unabhängig von der Art der Beschäftigung und der sich hieraus ergebenden körperlichen oder psychischen Belastung, benötigt Pausen. Pausen, die dazu dienen, sich zu regenerieren, die Akkus aufzuladen, den Kopf freizubekommen. Kurze Auszeiten, in denen man sich zurückziehen kann, vielleicht ein gutes Gespräch pflegt oder einen Blick in ein Buch wirft, dabei etwas Leckeres, am besten auch Gesundes isst, einen Kaffee genießt, vielleicht noch kurz etwas frische Luft schnappt, bevor man sich dann wieder – mit neuer Energie und kraftvollem Antrieb – seinen Aufgaben stellt. Manch einer mag in solch einer Situation auch Nikotin inkludieren. Haben Sie jetzt auch das Bild eines Menschen vor sich, der auf einem bequemen Sitzmöbel in einem angenehm und zeitgemäß gestalteten, ordentlichen, hellen und sauberen Raum, vielleicht sogar auf einem kleinen Balkon oder in einem Wintergarten einen köstlichen Snack auf dem mit Frischblumen dekorierten Tisch vor sich stehen hat, mit der Kaffeetasse in der Hand ruhig und zufrieden wirkend in eine Traumlandschaft schaut? Hören Sie im Geiste Ihre Lieblingsmusik und spüren Sie, wie Wärme Ihren Körper durchläuft, Sie den Kopf frei bekommen, sich entspannt und behaglich fühlen? Schmecken Sie das Aroma des frisch gebrühten Kaffees auf Ihrer Zunge? Steigt Ihnen der Duft des appetitlichen Sandwiches in die Nase? Sehen Sie sich einen kurzen Weg entlanggehen, frische Luft einatmen, die Natur genießen? Das ist Auszeit, egal wie kurz sie auch sein mag!
Doch, würden Sie das alles auch wahrnehmen, wenn ich Ihnen die folgende Pausen-Situation beschrieben hätte?
Nach sechs Stunden Dienst ohne eine solche Auszeit, 250 Frühstücksgästen (davon die meisten zwischen 07:30 Uhr und 08:15 Uhr und gut die Hälfte aus Asien – alle gastgewerblichen Mitarbeiter wissen, welche Herausforderungen dies mit sich bringt), gemeinsam mit zwei weiteren Teammitgliedern für Service und Küche im 55 Sitzplätze umfassenden Frühstücksrestaurant des Hotels ergibt sich ein Pausenzeitfenster von 15 bis 20 Minuten. Auf dem Weg in den Mitarbeiteraufenthaltsraum, der im Untergeschoss des Hauses liegt, werden noch schnell die Leergutkisten, die der Barkeeper am Vorabend nicht ordnungsgemäß weggeräumt hat, und über die man am Morgen gefühlt 100-mal – zum Teil schmerzvoll – gestolpert ist, ins Lager gebracht. Endlich, 15 Minuten sitzen, einen Kaffee, an nichts denken, Ruhe. Sie öffnen die Tür zum Pausenraum und sehen…
…einen Kellerraum von 12,5 m² Grundfläche, dessen einziges Fenster in den Maßen 80 cm x 50 cm von einem Lochblech verdunkelt wird und wegen eines defekten Schließmechanismus nicht geöffnet werden kann;
…fünf äußerst kommunikative Mitglieder der Hausdamenabteilung, die gerade ebenfalls ihre Pause hier abhalten und die vorhandenen fünf Stühle, allesamt aus Zimmern und Restaurant ausrangiert (da defekt), besetzen;
…ein Heizungsrohr beträchtlicher Ausmaße, welches unter der Decke angebracht ist, die Deckenhöhe somit um gut 50 cm reduziert und den gesamten Raum durchläuft – Effekt: eine Raumtemperatur von real 25°C und gefühlt 45°C (hier kommt oben erwähnter Saunaeffekt ins Spiel);
…Nebelschwaden, da sich Haustechnik und Leitende Hausdame – beide Kettenraucher und ebenfalls gerade anwesend – den Raum mit den Teammitgliedern teilen; sich hier ergo nicht nur ein Mitarbeiteraufenthaltsraum, sondern auch noch zwei Abteilungsleiterarbeitsplätze befinden (Sorry, Platzmangel!);
…eine Wachstuchdecke auf dem 80 cm × 80 cm großen Tisch, die ihre besten Tage bereits hinter sich hat; durch die Löcher der ursprünglich wohl einmal gelben Tischdecke mit Blümchenmuster lugt eine nicht minder speckige Holzplatte; Wachstuch und Tischplatte lassen erahnen, was hier in den vergangenen Tagen, Wochen, gar Monaten gegessen und getrunken wurde. Die überquellenden Aschenbecher wurden seit Tagen nicht geleert.
Beim Betreten dieses anheimelnden Pausenraumes fallen Sie über die herumliegenden, ausgetretenen Ballerinas, Adiletten und Sportschuhe der Reinigungsdamen und -herren. Aus den Schuhen strömt ein Appetit anregender Duft – Gott sei Dank etwas überlagert von dem kalten Zigarettenqualm der bereits genannten Abteilungsleiter. Gibt es ja gar nicht mehr: Nichtraucherschutz und Verbot des Rauchens in öffentlichen Bereichen – werden Sie jetzt vielleicht sagen?! Erklären wir es einmal so: Hausdame und Haustechniker sind jeweils seit über 20 Jahren im Unternehmen, beide Kettenraucher, dominante Persönlichkeiten und lassen sich nicht so einfach etwas sagen. Außerdem sieht die (junge) Hoteldirektion keinen Grund, hier tätig zu werden. Wo kein Kläger, da kein Richter! Auch der Teppichboden – Reste diverser Auslegewaren, die im Hotel verarbeitet wurden –, dessen Ursprungsmuster angesichts der unzähligen Flecken ebenso wenig erkennbar ist wie die ursprüngliche Farbe, müffelt. Sie hegen den starken Verdacht, dass dieser Bodenbelag einem Feuchtbiotop alle Ehre macht und seltene Lebensformen beherbergt? Sie könnten Recht behalten.
Was Ihnen hier wie das Werk einer lebhaften Phantasie oder auch Comedy erscheinen mag, ist Realität in nicht wenigen Hotelbetrieben. Während der Durchführung anonymer Hoteltests und anschließender Audits bin ich solchen und ähnlich „gestalteten" Räumen mehr als einmal begegnet – auch in Deutschland.
Überrascht es Sie, dass die Mitarbeiterin, die nach einem anstrengenden Dienst kurz ein wenig Erholung sucht, freiwillig auf die unverhältnismäßig bemessene Auszeit verzichtet und direkt wieder in das Frühstücksrestaurant zurückkehrt? Dass sie dem Ende ihrer Schicht mit Sehnsucht entgegensieht?
Hoffentlich nicht.
Und hoffentlich verlaufen Ihre Gedanken jetzt auch nicht in Bahnen, die Ihnen zuflüstern: „Gut so! Es ist sowieso zu wenig Personal." Oder: „Für die Sauberkeit in den Sozialräumen sind die Mitarbeiter selbst verantwortlich."
Mit dem zweiten Satz liegen Sie sogar formal richtig. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass die Motivation, einen Raum sauber und ordentlich zu halten, deutlich höher ist, wenn dieser Raum auch als solcher (hier: als Pausen- und Aufenthaltsraum) behandelt wird – und nicht als Abstellkammer mit Stühlen. Dasselbe gilt übrigens für steril geflieste OP-Räume mit vier Hartplastikstühlen, die gleichzeitig als Durchgang zu Lagern oder Personaltoiletten dienen. Erholung entsteht nicht durch das Vorhandensein eines Raumes. Sie entsteht durch das, was dieser Raum über das Unternehmen aussagt.
Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema.
Ich schreibe in meinen Beiträgen regelmäßig über Recruiting. Über Kandidatenerfahrungen, über Prozesse, über Systeme. Über die Frage, warum Initiativbewerbungen verschwinden und wie das Matching von Mensch und Stelle immer stärker durch Algorithmen gesteuert wird.
Aber diese Geschichte stellt eine andere Frage – und sie ist unbequemer:
Was nützt der beste Bewerbungsprozess, wenn die Realität dahinter das Versprechen bricht?
Ich habe in meinem letzten Beitrag eine Zahl genannt: 85 Prozent aller Studierenden mit Schwerpunkt Hotel- und Tourismusmanagement verlassen die Branche. Nicht alle davon wegen eines schlechten Pausenraums. Aber alle wegen desselben Grundmusters: weil zwischen dem, was versprochen wurde, und dem, was erlebt wurde, eine Lücke klafft, die sich nicht schließen lässt.
Employer Branding nach außen. Wachstuchdecke nach innen.
Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Und es ist vor allem ein Führungsproblem. Nicht, weil Führungskräfte böse sind. Sondern weil sie sich angewöhnt haben, über Räume wie diesen hinwegzusehen. Weil sie Teil eines Systems geworden sind, das verlernt hat, die eigene Betriebsrealität mit den Augen eines Menschen zu betrachten, der dort täglich acht Stunden arbeitet.
Hier ist der Lackmustest – und er ist denkbar einfach:
Würden Sie dort selbst Pause machen?
Nicht kurz reinschauen. Nicht im Vorbeigehen. Sondern sich hinsetzen, einen Kaffee trinken, fünfzehn Minuten lang. Oder: Würden Sie einen Lieferanten, einen Geschäftspartner, einen potenziellen Kunden dorthin einladen?
Wenn die Antwort Nein ist – und sie ist es in erschreckend vielen Betrieben –, dann stellt sich unmittelbar die nächste Frage:
Warum erwarten Sie es dann von Ihren Mitarbeitenden?
Wir investieren in optimierte Stellenanzeigen. In Recruitingtools. In Social-Media-Kampagnen. Und verlieren Menschen an Stellen, die im Alltag kaum sichtbar sind – aber maximal wirksam.
Die Candidate Experience endet nicht mit dem Vertragsabschluss. Sie setzt sich fort als Employee Experience. Und diese wird, Tag für Tag, zur Reputation des Unternehmens.
Nicht in Pressemitteilungen. Nicht auf LinkedIn.
Sondern in Gesprächen unter Freunden. In Bewertungen auf Kununu. In dem, was ehemalige Mitarbeitende erzählen – und was sie nicht mehr erzählen müssen, weil die Branche den Ruf längst hat.
Der Pausenraum im Keller ist kein Detail. Er ist ein Spiegel.
Er zeigt, was ein Unternehmen wirklich für wichtig hält – jenseits aller Hochglanzbroschüren. Und genau deshalb ist er kein operatives Thema. Er ist eine Führungsentscheidung.
Wann haben Sie zuletzt bewusst darauf geschaut, wo und wie Ihre Mitarbeitenden eigentlich Pause machen?
Und wenn Sie es wissen – hat es Sie beunruhigt?
Wenn nicht: Dann ist das vielleicht der eigentliche 'Befund'.
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